Innerdeutsche Sprachprobleme?

Wem morgens die Kettensäge weckt, zwei Stunden nach dem Morgengrauen, irgendwann, wenn die Welt den Takt der Militärs schlägt, hier, wo es friedlich zugeht, scheinbar, in den Betrieben, in den Schulen und auf den Hochsitzen zwischen den Bäumen, irgendwann, wenn es noch still sein könnte, zieht dich Bert vor deinen Altar, setzt sich zwischen deine bezaubernden Dakinis, räuchert mit weißem Salbei, – auf die Havanna verzichtet er dir zu liebe -, erinnert dich an den furchtbaren Schoß, den braunen, den fruchtbaren, und unter all dem Lärm, dem ungewohnten deines Herrn Nachbarn, dem Feldwebel in Reserve, der die Gunst des sonnigen 2. Septembers nutzt, seinen Krieg mit Baumstämmen zu führen, erklärt dir Brecht, dass das Organon im HierUndJetzt keine Verfremdung benötige, eher mehr das Destillieren, um nach dem Erkennen das Unwesentliche wegzulassen, irgendwann, in der Stille der Nacht, wirst du dir des Grauens bewusst und die Frage stellen, ob es deine Aufgabe ist, das zu tun, was getan werden muss und während dich deine Ängste quälen, die Wahrheit zu schreiben, beginnst du, weil es nicht anders geht, spät geworden ist es ohnehin.

Als du in die Schule kamst, begleitete dich deine Oma, deine Liebste, und das war weitaus besser, als wenn dein Vater, der Nazi, mitgekommen wäre, er hätte die Weichen anders gestellt; hingegen wusste deine geliebte Großmutter, wem die Stunde schlagen sollte, als der junge Rektor die Bühne der neuen Volksschule betrat, es war deine Oma, die sich in die andächtige Stille des Landrates, des Herrn Pfarrers und des Herrn Pastors sowie des Bürgermeisters einmischte, indem sie dir ins Ohr flüsterte, dass sie ihn kenne, den braunen Hosenscheißer, noch aus der Zeit, als er die Windeln ungefährlich braun kackte, um dann, noch grün hinter den Ohren, Naziflieger wurde, um dann, nach dem Neubeginn aus der NSDAP entnazifiziert in die SPD einzutreten, um dann die neuen Untertanen einzustimmen, ich solle nur achtgeben, auf die doppelten Achten, die sichtbar am Nummernschild seines silbernen Opels mit der Sieg-Rune prangten, davor das JU seiner todbringenden Maschine, seiner Tante Ju, seiner Ju 88, und ich solle nie vergessen, dass es eine staatliche Behörde gewesen sei, die ihn eingesetzt und sein Nummernschild geprägt habe.

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Demaskierend

Die Gewinne des faschistischen deutschen Staats betrugen Multi-Milliarden nach der Enteignung des jüdischen Besitzes. Die Großunternehmer gewannen am meisten. Und sie gewannen weiter, als ihnen nach Ausbruch des Krieges Sklavenarbeiter aus allen Teilen Europas zur Verfügung gestellt wurde.

Peter Weiss

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Zwei Bücher spielen in meinem Leben eine besondere Rolle; zwei Bücher reichen aus heutiger Sicht vollkommen für eine Initialzündung aus, um das Wesen von Faschismus und Krieg zu verstehen. Sie sind ihrem Verständnis nach demaskierend.

Mutter Courage von Bertolt Brecht.

Die Ermittlung von Peter Weiss.

Um ehrlich zu sein, bedarf es nur des Willens, ehrlich zu sein. Um ehrlich schreiben zu können, braucht ein Schriftsteller nur einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Das reicht aus, um den Verlockungen des Kapitalismus zu widerstehen.

Eigentum ist Diebstahl. Sobald die Gemeinschaft von Menschen in Stämmen zerschlagen wurde, begann der lang anhaltende Feldzug der Reichen gegen alle Lebewesen auf Mutter Erde. Es kann niemals verständlich sein, dass ein Mensch einen anderen Menschen ausbeutet und unterdrückt. Faschismus und Krieg sind die grausamsten Formen von Kapitalismus.

Mutter Courage war erst der Anfang; schockierend die Nachricht, dass die Händler, die Reichen kein Interesse am Frieden haben, weil sie ihren Profit ins Unermessliche steigern wollen. Bertolt Brecht arbeitete in seinem gesamten Werk das Wesen von Kapitalismus und Faschismus auf, kein Wort zu wenig, kein Wort zu viel. Wer verstehen will, kommt nicht umhin, den Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny zu lesen, Furcht und Elend des Dritten Reiches oder das Leben des Galilei.

Eigentlich würden die Werke von Bertolt Brecht ausreichen, um das Wesen des Kapitalismus für immer und ewig zu verstehen. Gäbe es nicht ein Herrschaftssystem, das auf Macht und Angst beruht sowie mit einem breit gefächerten Spektrum von Lügen existiert – mit Manipulationen, Verschleierungen und mit NewAge-Ideologien -, mit Lügen, seien sie noch so dumm und durchschaubar, für Millionen von Menschen hinreichend sind, um das hinzunehmen, was niemals akzeptabel ist.

„In Militär und Industrie, weitgehend auch im Rechtswesen und in den Bildungsinstitutionen, sind nach wie vor Kräfte vorhanden, die dem Nazismus nahestanden,“ schrieb Peter Weiss, und formulierte den eigentlichen Sachverhalt – aus nachvollziehbaren Gründen – vorsichtig. Doch er kann, sich selbst kommentierend, deutlicher werden.

„Ein zentraler Abschnitt des Stücks [Die Ermittlung] weist auf die Rolle der Gesellschaft hin, in der solche Lager entstehen können. Es wird ausgesprochen, daß es sich hier nur um die letzte Konsequenz eines System von Ausbeutung handelt, das von einem anderen Gesichtspunkt aus schönfärberisch ‘Freies Unternehmertum’ genannt wird.“

Wenn zwei Menschen zusammen kommen, und der eine wird Unternehmer und der andere sein Knecht, wird der eine Hausbesitzer und der andere, wenn er seine Arbeit getan hat, arbeitslos. Wenn skrupellose Kapitalisten wie IG Farben, Krupp und Siemens, ein Bayer-Konzern – um nur einige gemäß Peter Weiss zu zitieren – zusammenkommen, dann gibt es nicht nur Arbeitsunfälle, Umweltvergiftung und ‘normale’ Ausbeutung, dann gibt es aus einer perversen Habgier heraus Faschismus und Krieg. Rein gesetzmäßig.

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Photographie:

Bertolt Brecht | Jörg Kolbe | CommonSense

Zitate, Buchcover:

Peter Weiss | Die Ermittlung | Suhrkamp Verlag

Das Buch der Fragen

Die Entdeckung des Plans für die Endlösung, für die Massenvernichtung der Juden durch die deutschen Nazis. Drei Fragenkomplexe.

1. Was wussten die westlichen Politiker und die Öffentlichkeit im Westen? Wann haben sie es erfahren? 2. Wie haben sie die Informationen erhalten? 3. Wie haben sie reagiert? Welche Beweise gab es?

Im Oktober 1981 stellte Jan Karski wichtige Fragen zur Rolle der Alliierten auf einer internationalen Konferenz der Befreier von Konzentrationslagern. Es ist die Historikerin Céline Gervais-Francelle, die in ihrer Einführung von Jan Karskis Bericht an die Welt darauf aufmerksam macht, dass der Autor eine kritische und klare Rolle wahrnimmt, nachdem er jahrzehntelang geschwiegen hatte, als er 1943 nicht mehr nach Polen als Widerstandskämpfer zurückkehren konnte, wie es sein Wunsch war.

Der Bericht an die Welt beantwortet auch die (nicht laut gestellten) Fragen, wie Untergrund und Widerstand während des Faschismus überhaupt geschehen konnte, welche Fehler in der Anfangszeit gemacht wurden, wie die Zusammenarbeit von Exilregierung und den Menschen in Polen im Alltag aussah.

Darüber hinaus entstehen die Fragen, die sich schon manch kritischer Mensch gestellt haben mag: Was passierte nach dem Krieg mit den 60000 deutschen Polizisten, denen Jan Karski grausamsten Sadismus attestierte? Was passierte mit den deutschen Bestien der SS und ihren Helfern, die die Vernichtung der jüdischen Menschen systematisch und grausam vollzogen? Was geschah mit den Hitlerjungen, die im Warschauer Getto tagein, tagaus wehrlose Juden mit ihren Pistolen wahllos töteten?

Wurden sie alle entnazifiziert?

Und was werden Deine Fragen sein, wenn Du das Buch gelesen hast?

Postscript

Eine Antwort auf eine Frage – auf die Frage einer möglichen Ermittlung – gibt Peter Weiss in seinem Buch und Theaterstück Die Ermittlung. War das Video eine Zeitlang auf youtubeverfügbar, wurde es auf Betreiben von xyz 2010 aus dem Netz entfernt. Wer war es? Warum geschah es? Wo bekommst Du dennoch das Material? Natürlich im Handel. Manche Recherchen, vor allen diejenigen, die auf die Gegenwart verweisen, auf die jüngere Gegenwart, kosten Zeit und Geld.

Zitate:

MEIN BERICHT AN DIE WELT | JAN KARSKI | KUNSTMANN

Photographie:

Marion Bührle

Peter Weiss’ Auschwitz-Oratorium Die Ermittlung am Staatstheater Nürnberg (Katakomben der Kongresshalle, Reichsparteitagsgelände), Juni 2009, ausgezeichnet mit dem Nürnberger Theaterpreis (Produktionspreis, 24.10.2010), Regisseurin: Kathrin Mädler, Fotografin: Marion Bührle

Wikipedia | CommonSense

Es war die Hölle

Fassungslosigkeit. In meinen Händen halte ich ein Buch von Jan Karski, einem Widerstandskämpfer, der als Leutnant der Heimatarmee Mitglied des polnischen Untergrundstaates war. Der Titel des Buches, das in diesem Jahr erstmalig in deutscher Sprache im Verlag Antje Kunstmann erschien, strahlt eine ungewöhnlich aktuelle Bedeutung aus, er lautet: Mein Bericht an die Welt. Die Unterzeile zeigt die Komplexität des Werkes auf, das Novum der Geschichte eines Staates im Untergrund.

Schon das Vorwort der Historikerin Céline Gervais-Francelle verdeutlicht, dass Jan Karskis Buch einen besonderen Stellenwert in der Beschäftigung mit Polens tragischer Geschichte hat; zahlreiche Fakten über die Nazis, die nur als Bestien in diesem Land wüteten, kommen zutage. Jan Karski, der der Hölle der Roten Armee entfliehen konnte, schildert, wie der polnische Widerstand arbeitete, berichtete über die Anfangsfehler und die Entwicklung, wie die polnische Exilregierung und die Menschen in Polen operierten. Das Buch über den polnischen Untergrundstaat legt Zeugnis ab über den Mut eines ganzen Volkes; es beschreibt detailliert, welche Aufgaben im Alltag bewerkstelligt wurden.

Jan Karski schildert die grausamen Folter der deutschen Gestapo an seinen Landsleuten; er benennt nicht nur die Verbrechen, sondern er beschreibt. Er lässt anteilnehmen an dem Unvorstellbaren, indem er berichtet, wie er selbst misshandelt wurde. Dass er dennoch entkommen konnte, dass seine Flucht mithilfe tschechischer Menschen und des polnischen Untergrunds gelang, erscheint wie ein Wunder. Die Nazis hatten es nicht geschafft, Jan Karski zu brechen; im Gegenteil, nach einer kurzen Schonung seines Körpers – von Rekonvaleszenz lässt sich nicht sprechen -, nahm er täglich wieder zahlreiche Aufgaben wahr.

Was dann – unter anderem – auch noch geschah, ist unvorstellbar. Es zeugt von dem herausragendem Mut Jan Karskis, dass er bereit war, in das Warschauer Getto als Augenzeuge zu gehen, um dann später der Weltöffentlichkeit über diese Hölle, die die deutschen Nazis den jüdischen Menschen gebracht hatten, glaubwürdig und authentisch berichten zu können. Zu dem Zeitpunkt, als Jan Karski von jüdischen Partisanen in das Getto begleitet wurde, lebten noch mehr als 400000 Menschen im Getto.

Seit Herbst 1941 wusste man im Warschauer Getto von Massakern in Białystok, Pinsk, Breść, in Wolhynien … dem Holocaust mit Kugeln. Seit dem 10. August 1942 wusste das Getto Bescheid, was es mit dem Namen „Treblinka“ auf sich hatte. Jegliche Hilfe für Juden wurde von den Nazis mit dem Tod bedroht.

Es war Jan Karski, der es wagte, in geheimer Mission in ein Vernichtungslager zu gehen. Das, was er dort in Isbica Lubelska gesehen hatte, geht weit über das hinaus, was wir über die bestialischen Taten der Nazis wissen. Ätzkalk, verbrennen in der Hölle eines überfüllten Viehwaggons. Die Perversionen der deutschen Herrenrasse kannte keine Grenzen.

„Am 2. Dezember überbrachte Karski die Hilfeersuchen persönlich, die verzweifelten Appelle aus dem Getto an die beiden Vertreter der polnischen Juden im Nationalrat.“ Der polnische Außenminister Edward Raczyński sprach schon am 17. Dezember 1942 in einer Abendsendung des BBC über die Anfänge des Holocausts.

Als Jan Karski seine Nachrichten in London und in Washington übermittelte, hatte er den Eindruck, dass sowohl der polnische Widerstand nicht entsprechend gewürdigt wurde als auch, dass die westliche Alliierten den Informationen über den Terror der Nazis, über die Shoah, den Holocaust, die Massenvernichtung des jüdischen Volkes nicht glaubten – nicht glauben wollten oder nicht glauben konnten. Sein Bericht an die Welt, der als Buch erst 1944 erschien, wurde von 400000 Menschen gekauft und gelesen, doch schon wenige Monate später war sein Name in Vergessenheit geraten.

Nicht einmal Hollywood hatte Interesse bekundet, seine Erlebnisse zu verfilmen. Jan Karski fing an zu schweigen, bis Claude Lanzmann ihn um ein Interview für den Film „Shoah“ bat. Claude Lanzmann blendete Jan Karskis wichtigen Gedanken aus, warum die Alliierten den jüdischen Menschen nicht viel früher zuhilfe gekommen waren; dann, als es noch möglich erschien, den Holocaust zu stoppen.

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Zitate:

Jan Karski | Mein Bericht an die Welt | Kunstmann

Photographie:

Warschauer Ghetto Gedenktafel | Wistula | CommonSense